Prager Wahrnehmungen No.5

Ich hatte dieses Bild bereits schon mal gepostet. Dann gab es in einem Foto-Forum bei dem ich Mitglied bin einen beträchtlichen shitstorm. Die meisten der Forenmitglieder betrachteten mein Bild zwar kritisch, empfanden diesen shitstorm aber als unangebracht und überzogen. Dennoch war es weiter gegangen und mir wurde mit Anzeige gedroht. Ich würde verklagt, weil ich einen Menschen in einer Form dargestellt hätte, die diesen der Lächerlichkeit und Erniedrigung preisgeben würde. Das hatte mich dann doch sehr erschüttert. Das Bild wurde entfernt. Doch die Diskussionen gingen weiter. Zum Teil tiefste Schublade.

Es gab auch viele Kommentare die meinten, dass es in einem Europa der Neuzeit eine Schande wäre, dass Menschen so leben müssten. Andere Stimmen meinten, dass es keinen Grund gäbe, da es ja jede Menge soziale Unterstützung angeboten wird und es nicht so weit kommen muss in eben diesem Europa.

Ich sage: „Beide liegen absolut daneben“. Nicht nur der „Zufall“ meiner Geburt, der Zufall der Art und Weise des „Kümmerns“ der Bezugspersonen bis ich dann erwachsen bin, der Zufall meiner Berufswahl, der Qualität meiner Ausbildung und meiner Arbeitgeber, der Zufall, der Menschen die ich Liebe oder mit denen ich befreundet bin, der Zufall der Erfahrungen, die ich zu machen gezwungen bin, sondern auch alle meine persönlichen Entscheidungen seit meiner Geburt bis zum Jetzt bestimmen das aktuelle Ergebnis.

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheit.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

Die englische Fassung nach Charles Reade geht auf ein chinesisches Sprichwort zurück.
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… ich habe dieses Bild jetzt einfach mal sicherheitshalber anonymisiert, sodass die Quelle dieses shitstorms nicht noch einmal eine Angriffsfläche hat ….

Ich halte dieses Bild für ein sozialkritisches Bild, dass einerseits das Reich-Arm-Gefälle aufzeigt, aber auch, dass es die Lebens-Entscheidungen auf Basis von bisher gemachten Erfahrungen sind, die den Unterschied machen. Die Bereicherung auf Kosten derer, die andere Zufälle woanders hin geführt haben, deren Entscheidungen zu einem anderen Ergebnis geführt haben – diese Bereicherung ist es was ich als sehr Kritisch betrachte. Ich sehe nichts schlimmes darin vermögend zu sein. Oder gar Reich. Ich sehe auch nichts schlimmes darin arm zu sein oder gar obdachlos. Das was ich nicht verstehe ist, …

…. sich unbedingt bereichern zu wollen und wenn es zu Lasten Anderer geht.

…. mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich für etwas Besseres zu halten.

…. die Lebensweise des Gegenübers herunter zu machen oder gar zu verachten.

…. die Macht die ich habe dafür zu nutzen, andere zu erniedrigen oder zu schädigen.

Es ist der Machtmissbrauch in jeglicher Form, den ich am Meisten kritisch sehe. Und die daraus resultierende Unfairness. Lokal betrachtet, aber auch global.

So … und jetzt darf natürlich auch diskutiert werden ….

PS: ich betrachte natürlich alle meine hier oder woanders veröffentlichten Bilder, sofern sie unter dem Begriff „feerluwa – perceptual fragment“ veröffentlicht werden als Kunst, auch wenn vielleicht nicht auf höchster Ebene, aber dennoch ….

6 Kommentare zu „Prager Wahrnehmungen No.5

  1. Ein gutes Foto.
    Realität. So wie Menschen auf der Düsseldorfer Kö eine Winterjacke für 9.000 Euro, neulich gesehen, kaufen können, gibt es Menschen die auf der Parkbank schlafen und ohne Platinkarte durchs Leben kommen müssen. Es gibt halt unterschiedliche Wahrheiten und Wirklichkeiten.
    Betreue in meiner Freizeit Alkoholiker und andere Drogenabhängige. Da habe ich schon weit aus Tieferes gesehen. Dass sich Betrachter echauffieren mögen, dass du das Gesicht nicht verpixelt hast, geht in Ordnung. Nicht in Ordnung ist es darüber Anmerkungen zu machen, ob man fotografieren darf oder nicht. Natürlich. Entweder verpixelt oder mit Genehmigung. In diesem Fall.
    Aber unsere Welt ist halt so, und wenn man sie nicht zeigt, heißt nicht, dass es sie so nicht gibt. Manch einer von uns fällt tief, ob verschuldet oder auch nicht, er soll Gehör finden. Das schlimmste für einen Bettler ist nicht, dass er kein Geld bekommt, sondern die Menschen ihn nicht ansehen, ihn übersehen, als wäre er unsichtbar, nicht existent. Das raubt ihm die Würde.
    Gutes Bild.
    Herzliche Grüße, Peter

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    1. Hi Peter, als ich diese Aufnahme gemacht hatte hatte ich sie konkret mit den Videokameras im Hintergrund gemacht. Mir war auch bewusst, dass dieses Bild kontroverse Reaktionen hervorrufen könnte, doch mit diesen starken und beleidigenden Reaktionen dort hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte darum wirklich lange überlegt, ob ich es nochmals zeigen soll. Ich habe selber mehrere Jahre in einer Notschlafstelle nebenbei gearbeitet. Ich arbeite auch jetzt tagtäglich mit Menschen, denen das Schicksal oft schwer zugesetzt hat.
      Und darum weiß ich, dass solche Bilder gezeigt gehören. Dass bin ich mir, dem Menschen auf diesem Bild und unserer Gesellschaft schuldig, dass solche Bilder gezeigt werden. Richtig ist, dass ich die abgebildete Person nicht gefragt hatte. Das ist generell ein schwieriges Thema in der Straßenfotografie. Ich habe deshalb auch bereits mehr Bilder nicht gemacht, als gemacht. Ich stelle generell fest, dass speziell in Deutschland ein sehr verkrampfter Umgang damit herrscht. Meine Intention ist es nicht jemanden zu erniedrigen oder der Lächerlichkeit Preis zu geben. Ich will das Leben aus meiner Sicht abbilden. Und da gehört dies dazu.

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  2. Hallo Robert, in einem Kommentar von mir habe ich dir folgendes geschrieben..“.Ich beschäftige mich nicht allzusehr mit Fotografie, ich schaue mir Bilder an – entweder sie beeindrucken mich oder sie lassen mich kalt… deine Bilder finde ich sehr fesselnd.“ Tete
    Auch dieses Bild finde ich ausdrucksstark, welche Gedanken mach e ich mir, wenn ich mir das Bild so anschaue…es ist wie es ist, du hast mit diesem Foto einen „Ausschnitt“ aus dem Leben eines Menschen gezeigt, der genau so lebt. Welche Umstände dazu geführt haben, weiß ich nicht. Ich schaue mir das Bild an, ohne ein Urteil zu treffen. Liebe Grüße Tete

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  3. Hallo Robert.
    Ich bin zutiefst betroffen über den Shitstorm.
    Zumal ich dich kenne.
    Alleine weil die Leute dich nicht persönlich kennen, liegen sie, denke ich, daneben, wenn sie dir schlechtes unterstellen.
    Persönlich, ich habe einen Kanal mit 2200 Bildern gelöscht, habe ich festgestellt, dass es sehr viele „Schön-Wetter-Fotografen“ gibt. Die meisten verdienen aber nicht den Zusatz „Fotograf“. Mit kritischen Bildern kommen sie nicht zurecht, machen sich keine Gedanken… schlimmer… können es wahrscheinlich nicht.
    Ich finde es gut zu zeigen, dass es außer Blumen, Katzen, Landschaften … auch etwas gibt, was (vielleicht sogar in Verbindung mit dem Motiv) einen anderen Blickwinkel aufzeigt. Es kommt ja auf den Betrachter an… der erzeugt seine Gedanken. Ich denke nicht, dass du einen negativen Kommentar zu dem Bild verfasst hast, der die Gedanken in diese Richtung lenkt.
    Wenn ich die „Leute“ verstehe, darfst du dann auch keine Gassen mit Müll zeigen, sondern nur edle, aufgeräumte Wohngebiete?
    Seit 2012 zeige ich Fotos, manchmal auch provokativ, sogar mit einer Meinung Aber auf dem neuen Kanal nehme ich mich zurück. Das Eine oder Andere kann man trotzdem kritisch sehen. Aber niemand geht drauf ein, so wie bei dir. Hab zwar auch mal eine Reaktion, aber gemäßigt. Kontruktiv ist alles erlaubt und sogar erwünscht, erst dann wird ja der Sinn oder Unsinn des Bildes herausgearbeitet. Dann hat das Bild was bewegt…!
    Lass dich nicht unterkriegen, es gibt ja auch für dich Möglichkeiten, diese Leute dranzukriegen…üble Nachrede etc. .
    Zeige was du siehst, du tust ja nichts absichtlich dazu.
    Besten Gruß aus der Nachbargemeinde

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