1998 – Colombia

Montag, der 11. Mai 1998 – 22:30

Heute war es den ganzen Tag lang extrem schwül. Daniel und Mathew sind nur zum Essen und kurz nach dem Wetter schauen aus den Kabinen gekommen und dann sofort wieder darin verschwunden. Da in den Kabinen und Gängen die Klimaanlage läuft trifft es einen wie einen Hammerschlag, wenn man an Deck geht. ….. An den windstillen Stellen (an Deck) hielt man es überhaupt nicht aus! alles klebt am Körper. Jedes mal Treppensteigen ist anstrengend. ….. Man hatte den Eindruck, dass man durch eine Wolke hindurch fährt, die nach ca. 2 Kilometern den Horizont teilweise verschwinden lässt. Man sah nur einen Dunststreifen, von dem man annahm, dass das der Horizont sei. …. Das Land ist schon in greifbare Nähe gerückt. Vorher, als ich oben war, konnte ich schon verschiedene Lichter sehen.

Auszug aus meinem Tagebuch

Wir sind kurz vor Barranquilla in Kolumbien. Die Stadt liegt an der Mündung des Río Magdalena in die Karibik im Nordwesten des Landes und ist ein bedeutender Industrieort und Hafen in Kolumbien.

Dienstag, der 12. Mai 1998 – 08:15

War soeben an Deck. Gerade hatte es einen richtig heftigen Tropenregen. Es schüttete wie aus Kübeln und schwappte von Deck wasserfallartig über Bord. …. So schwül wie heute war es bisher noch nie. Heute Morgen in der Früh [muss wohl so um fünf Uhr gewesen sein; wegen dem schwülen Wetter schlief ich nur mehr sehr oberflächlich und kurz – dafür aber öfter über den Tag verteilt] fuhren wir an den Begrenzungsleuchten der Hafeneinfahrt vorbei. Da dachte ich mir, dass die hier aber niedrige Dämme bauen und die Begrenzungsleuchten tief ansetzen …. Jetzt weiß ich, dass aktuell Hochwasser ist. Der Fluss ist dreckig-schlammig und es treibt darin allerlei Richtung Meer. Auch habe ich meine ersten Mücken gesehen. Gleich danach hatte ich das Gefühl, dass ich überall gestochen würde. Ich habe gehörigen Respekt vor der Malaria ….

Auszug aus meinem Tagebuch

Da waren wir also. Drei Europäer, die kaum Spanisch sprachen auf dem Weg uns den Südamerikanischen Kontinent zu erobern. Bereit sich mit einer uns fremden Kultur auseinander zu setzen. Wir brannten darauf, nach Tagen nie enden wollender Schaukelei endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und schwankten den selbigen ignorierend auf dem Kai Richtung Hafenausgang.

Dienstag, der 12. Mai 1998 – 20:00

…. Unglaublich! Wir sind durch den Zoll gekommen. Ich sah mich bereits in Handschellen in einem kolumbianischen Gefängnis zusammen mit 30 anderen auf 5 m². Doch der Reihenfolge nach. Kurz vor dem Zollhaus bleibt Mathew stehen und mumelt etwas. Daniel und ich drehen uns um. Da eröffnet uns Mathew, dass er in einem Hosensack ein Tütchen mit nicht so ganz legalem Inhalt bei sich trägt. Wir werden alle drei blass, können aber nicht mehr zurück, denn das würde auffallen. Wir wurden bereits erwartet, da wir die Einzigen waren, die sich offensichtlich anschickten den Hafen zu verlassen. Zuerst Daniel, dann ich und zum Schluss Mathew. 4 Zollbeamte. Sie mit schlechtem Englisch. Wir mit noch schlechterem Spanisch. Ich glaube das hatte uns gerettet. Schlussendlich bekamen wir einen Stempel in unsere Pässe und das war es. Wir waren in Kolumbien. Dem größten Drogenumschlagplatz der Welt. ….

Auszug aus meinem Tagebuch

Wir hatten ja alle drei mehr oder weniger erfolgreich Spanisch gebüffelt. OK – wir konnten inzwischen ganz manierlich nach dem Weg fragen und auch uns etwas zu trinken bestellen: „Un Cerveza por favor!“, doch was wir nicht konnten war ….

… trotz intensivster Bemühungen unsererseits … kein einziges – aber wirklich kein einziges Wort zu verstehen. Teilweise sprachen sie [die Kolumbianer] sehr schnell und vor allem war kein S-Laut zu hören. Als ich spanisch lernte, da hatte ich den Eindruck, dass es recht viele S-Laute gäbe. … In Bilbao da verstand ich manchmal was die Leute sagten, aber hier!?

Doch da trat ein kleines Wunder mit Namen Felix in unser Leben. Als er merkte, dass mit spanisch nichts zu machen war, sprach er uns auf Englisch an. Er war früher Seemann … und spricht spanisch, portugiesisch, griechisch und – welch ein Segen für uns – auch noch Englisch. …..

Auszug aus meinem Tagebuch

Nach kurzem Geplauder bot sich Felix als Führer für unseren Aufenthalt an. Natürlich gegen einen kleinen Obolus, den wir aber gerne bereit waren zu zahlen. Ich glaube das war Bestandteil seines Geschäftsmodells, aber mir war es zu diesem Zeitpunkt egal!

….. Über Barranquilla ist zu sagen, dass es eine sehr lebhafte Stadt ist. Überall wird gehupt, die Ampeln generell ignoriert und alles mögliche auf den Straßen verkauft. Von der Zahnbürste über Imbisse, Andenken, Taschenrechner und Uhren, Kleidern bis zu Stereofernsehern kann alles auf der Straße gekauft werden. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass einiges – wenn nicht alles – gestohlene Ware war.

…. Was mir besonders gefällt ist, dass wenn du in eine Menschenmenge hinein lächelst oder bestimmte Personen anlächelst immer zumindest ein Lächeln zurück kommt. Man sieht nur ganz selten die verbissenen Gesichter, wie du sie bei uns zuhauf siehst.

Auszug aus meinem Tagebuch

Felix erwies sich als sehr hilfreich. Per Taxi fuhren wir quer durch die Stadt und führte uns zu allem, was seiner Meinung nach von einem Turista besucht werden sollte. Er sprach für uns mit den Einheimischen und dolmetschte. ich wurde zwar den Verdacht nie los, dass er nach seinem Vorteil trachtete, aber es war mir egal, denn das Telefonat mit Daheim kostete mich mehr als sämtliche andere Ausgaben (Taxi, felix, Restaurant,…) für diesen Tag. Diese beliefen sich sich insgesamt auf 26 US$. Einmal jedoch führte uns Felix in eine Einkaufspassage, die ebenso in eine der Metropolen Europas hätte sein können. Klimatisiert mit edlen Boutiquen. War für mich ein kleiner Schock. Alles war wie aus dem Ei gepellt. Vor der Tür, war es schmutzig und laut. Hinter der Türe gedämpfte Musik und so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Was für ein Widerspruch!

Der Unterschied von Arm zu Reich war in Barranquilla sehr gut zu sehen. Felix führte uns an Nobelviertel vorbei, die vollkommen abgeriegelt waren durch Mauern und Zäune und Wachpersonal. Andererseits gab es auch Menschen, die in halbverfallenen Häusern hausten. ….

Alles hatte jedoch etwas gemein: dass Leben floss jede Straße entlang, zwängte sich noch in die kleinsten Gässchen, ergoss sich auf die Plätze, schwappte in die Läden und machte selbst vor Ruinen nicht halt.

Sehr eindrucksvoll ist auch das Bussystem, das es hier gibt. Da fahren Busse die Straßen entlang und wenn jemand die Hand hebt …, dann bleibt der Bus stehen. Es kann dann vorkommen, dass in der selben Straße in die gleiche Richtung 3, 4, 5, 6,.. Busse fahren. Dann wälzt sich so eine Kolonne durch die Straßen und macht vor nichts halt. Dann kann es sein, dass eine Querstraße längere Zeit blockiert ist. Das ist dann der Auftakt zu einem Hupkonzert.

Auszug aus meinem Tagebuch

Wieder zurück auf dem Schiff erfuhren wir, dass sich die Abreise verzögert, da eine wichtige Ladung noch nicht gelöscht werden konnte. Das ginge erst morgen.

Mittwoch, der 15. Mai 1998 – 18:40

Daniel und Mathew standen knapp vor sechs Uhr vor meiner Türe. OK – Daniel kann schon sein, aber Mathew hatte ich meist vor 10:00 Uhr nicht gesehen. Beide fragten mich, ob ich nicht etwas gutes gegen Durchfall hätte. Mathew hat anscheinend starke Magenkrämpfe und einen Dünnpfiff „el furioso“. Auch Daniel wirkte etwas gequält. Mir schwante böses, denn gestern hatte wir das selbe gegessen. Ich beschloss jedenfalls sicherheitshalber vorerst das Schiff nicht zu verlassen. Die beiden anderen Blieben sogar in der Kabine und pendelten zwischen Bett und Toilette.

Auszug aus meinem Tagebuch

Stattdessen sah ich mich etwas entlang des Flusses um (ging aber sicherheitshalber nicht allzu weit weg) und sah beim Löschen der restlichen Ladung zu. Es wurde Ätznatron ausgeladen. Von BASF. Da war mir alles klar! Zum besseren Verständnis muss ich jetzt anmerken, dass ich eine Ausbildung zum Chemiker habe. Und um noch mehr Klarheit in die Sache zu bringen wäre auch hilfreich zu wissen, dass zur Herstellung von einem Kilogramm Kokain ca. 30-40 Kilogramm Ätznatron vonnöten sind. Und wir luden gerade Tonnen davon aus! Mir verschlug es direkt die Sprache. Das war vielleicht auch der Grund, dass dieser Teil der Ladung am Vortag nicht gelöscht wurde … Und mir wurde zum zweiten mal klar: wir befanden uns im größten Drogenumschlagplatz der Welt.

Ach ja – ich blieb für dieses eine Mal von Montezumas Rache verschont!

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